Mit der NX650 durch Afrika

Für 1994 hatten meine Freundin und ich große Pläne, denn wir wollten heiraten. Ende 1992 aber machte uns ein befreundetes Ehepaar, das wir auf Sardinien kennen gelernt hatten und die mit ihrer XT600 schon die halbe Welt bereist hatten ein Angebot, das wir nicht abschlagen konnten: 1994 wollten sie mit ein paar Freunden eine "kleine" Afrika Tour organisieren. Keine Frage, das ich da unbedingt mit musste - eine Afrika Tour gehörte zu dieser Zeit zu dem Traum eines jeden Enduristen. Aber auch meine Freundin wollte mit und das, obwohl sie erst seit 1992 den Motorradführerschein hatte - was übrigens Teil eines "Deals" war - der andere Teil war, das ich endlich den Autoführerschein machte.

Da ich neben der Dominator noch meine XT350 besaß war natürlich die Frage, welches Motorrad ich für diese Tour nehmen sollte. Von den Zylinderkopfschäden der Domi war mir damals mangels www nichts bekannt (und Honda hatte niemals eine NX650 für einen Dauertest zur Verfügung gestellt - warum wohl). Auch wusste ich, das der Luftfilter der Domi sich schnell zusetzte, es gab da mal einen Reisebericht (den ich leider nicht mehr finden kann) in dem ein Domifahrer auf dem Weg zum Chaberton von XT Fahrern ausgelacht wurde, weil der Lufi schnell verstopfte und der Motor dann kaum noch genügend Leistung hatte um den Gipfel zu erreichen.   Daher hatte ich den alten Wüstenfahrertrick ausprobiert und einen Nylonstrumpf über den Ansaugschnorchel gezogen - aber damit lief sie nicht mehr richtig. Weil die XT aber damals schon über 65000km aufm Buckel hatte und sich das Getriebe anscheinend auflöste (bei jeden Ölwechsel fand sich 1/2 Teelöffel Späne im Ölfilter) wurde es dann doch die NX ... die XT wurde mir dann sowieso Anfang 1993 in Straßburg gestohlen.

Die Vorbereitung der Domi hielt sich in Grenzen - die Verkleidung war ja schon ab, es wurde noch ein 48er Kettenrad und Michelin T63 montiert - letztere das Nonplusultra für solche Touren. Auch das originale Federbein blieb - auf den Seealpentouren hatte es sich als durchaus standfest erwiesen. Geschraubt habe ich übrigens in der Garage meines späteren Schwiegervaters - man beachte den Ölfleck unter dem Vorderrad, Überbleibsel meines allerersten  Ölwechsels an der Domi - und bis heute noch sichtbar.

Im Frühjahr 1993, kurz vor dem Verladen, bemerkte ich einen Riss in der vorderen, geschlitzten Bremsscheibe, also beim Händler schweineteure (ich muss es immer wieder erwähnen - das www und Ebay gabs noch nicht) orginale Teile (siehe Bild oben - Bremsscheibe mit Rundlöchern) bestellt ....Probefahrt gemacht ... und die Bremszange wurde glühend heiss. Aus irgendeinem Grund gingen die Bremskolben nicht weit genug zurück. Zweimal wurde die Bremszange zerlegt und gereinigt, aber es wurde nicht besser. Und das nur wenige Tage vor der Verladung ....

Schließlich nahm ich das ganze fatalistisch und wir fuhren los - Treffpunkt war Erfstadt, wo die Motorräder und ein Nissan Pickup in einen Container verladen werden sollten. Auf der Anfahrt erhitzte sich die Bremse immer weniger, bis sie schließlich normal funktionierte - das mir da ob solcher Selbstheilungskräfte ein Stein vom Herzen fiel versteht sich von selbst. Erst Jahre später kam ich dahinter, woran es lag: die Bremsscheibe mit Rundlöchern war etwas dicker, dafür waren die Bremsbeläge dünner geworden. Der Händler hatte mir aber die dicken Bremsbeläge der geschlitzten Scheibe gegeben, wodurch praktisch keine Luft mehr zwischen Scheibe und Beläge vorhanden war   ... der nötige Freiraum mußte sich erst einbremsen.

Von Erftstadt aus ging der Container nach Hamburg und schließlich nach Mombasa. Diese Art des Transport dauert zwar, ist aber relativ günstig: pro Motorrad waren es 800DM, wenn ich mich noch recht erinnere. Am 16. Juli 1994  gings los - mit einem mehr als flauen Gefühl stiegen wir in den Flieger. Trotz der großen Gruppe war ein solcher Trip kein Rundgang über einen Ponyhof - schon alleine die Durchquerung Mosambiks, das damals gerade einen der brutalsten Bürgerkriege hinter sich hatte und das nur im Konvoi befahren werden durfte war ein Kapitel für sich. Von Tropenkrankheiten wie Bilharziose oder Malaria mal ganz zu schweigen - bis heute gibt es übrigens keine wirksame Impfung gegen Malaria, und die damaligen Prophylaxen waren notorisch unzuverlässig, so das wir darauf verzichteten.

Von Nairobi aus ging es mit dem Zug nach Mombasa - in dem uns Stewards in weißer Kleidung das Essen servierten, Überbleibsel des kolonialen Zeitalters. Die meisten Bilder stammen übrigens von unseren Bekannten - man beachte, wie man im prä-digitalen Zeitalter Reiserouten markierte - Nadeln auf Landkarten, die anschließend abfotografiert wurden. Wer darüber lacht sollte mal versuchen, mit einem PC mit 2MB Arbeitsspeicher ein Bild zu bearbeiten.


Im Mombasa angekommen, hieß es dann erst mal warten - der Container war zwar angeblich angekommen, steckte aber irgendwo in einem bürokratischen Prozess fest "Africa wins again" und "hakuna matata" (die afrikanische Standartantwort auf Europäer, die es eilig haben - keine Sorgen   ) - so dass wir volle drei Tage lang jeden Morgen vor der Spedition auftauchten und herumlungerten. Die Stimmung war mehr als angespannt -  wir hatten einen mehr als engen Zeitplan, mit nur wenigen eingeplanten Ruhetagen. Außerdem sollte es vorgekommen sein, das ganze Container im Seehafen in Mombasa einfach "verschwanden" .

Kein Wunder, das es dann bei der Ankunft des Containers strahlende Gesichter gab  - es waren übrigens 4 Paare und zwei Singles - zumindest der eine davon hatte, glaube ich, Hoffnung, das es noch ein fünftes Paar geben würde - aber daraus wurde nichts.  Der Container war dann in Rekordzeit entladen. Und trotz der fortgeschrittenen Tageszeit ging es los - im dem gruseligen Hotel, in dem wir  3 Nächte verbrachten, wollte auch niemand mehr bleiben. Mit von der Partie waren zwei   XT600, eine DR350 (mit 600er Tank), meine NX650 - und drei NX250.

Die erste Etappe ging von Mombasa durch Kenia und dann quer durch Tansania zum Lake Malawi. Der Kilimandscharo lag auf dem Weg - mangels Zeit reichte es aber auch nur zu einem Rundflug. Außerdem wusste niemand von uns, ob er höhentauglich ist. Der Kili besteht aus drei erloschenen Vulkanen (Kibu, Marenzi und Shiba) und liegt auf dem Ostafrikanischen Grabenbruchsystem, das vermutlich zum Auseinanderbrechen Afrikas führen wird - auf einer geologischen Zeitskala in naher Zukunft.

Abseits der größeren Städte wurde grundsätzlich gezeltet - eine ganz schön zeitaufwändige Aktion, wenn jeden Tag das Lager ab- und wieder aufgebaut werden muss. Spannend waren die Brücken, mit mehr oder weniger gut erhaltener Substanz - hier eins der besser erhaltenen Exemplare. In Kenia war das Tankstellennetz noch ausreichend dicht. Und bei jedem größeren Halt bildeten sich sofort größere Menschenmengen. Dieses Bild habe ich übrigens 1999 im Vor-Vor-Läufer des Domiforums eingestellt (das damals nur aus einen einzigen, endlosen Thread bestand). Die Menschen waren übrigens immer ganz begeistert von unseren Motorrädern, die Rallye Paris Dakar war damals sehr populär, deswegen wurden wir oft gefragt, ob wir eine Rallye fahren würden. Anfangs gab es noch Asphaltstraßen (oder zumindest Reste davon), allerdings waren diese aufgrund 1/2 Meter tiefen Schlaglöchern gefährlicher zu befahren als die Schotterpisten.


Weiter nach Süden gings auf die Hochebene Tansanias - und das Klima wurde sehr trocken - und staubig. Oft gab es nur noch provisorische Tankstellen, bei denen aus Kanistern getankt wurde. In solchen Fällen wurde uns von den alten "Afrikanern" dringend ans Herz gelegt, beim Motorrad zu bleiben, damit das Benzin nicht mit Wasser  "gestreckt" werden konnte. Und die Domi fing an, Mucken zu machen - sie ruckelte und der Verbrauch stieg auf über 9l - das Bild links unten Bild hat man sehr oft gesehen - aus Kostengründen ("armer Student") hatte ich auf den Acerbistank verzichtet und einen 5l Kanister im Topcase.


In Tansania 1994 wurde das Ruckeln und Zuckeln immer schlimmer - mehrmals habe ich den Vergaser ausgebaut, um nach den Grund zu suchen. Nachdem ich schon versucht war, das Problem mit Benzinkanister und Feuerzeug zu lösen kam ich doch noch auf die Ursache: den extrem feinen Fesh-Fesh Staub der den Luftfilter der NX650 schnell zusetzte und dank des Ölnebels aus der Motorentlüftung mit Ausklopfen auch nicht herauszubekommen war.


Also waren jeden Abend rituelle Waschungen angesagt - mit Benzin ließen sich die originalen Honda Filter reinigen. Das durfte ich auch immer gleich zweimal machen, denn nach ein paar Stunden war der Filter wieder dicht und musste gewechselt werden. Irgendwo in Tansania stellte der Fahrer des Pickups fest, das von den 6 Radschrauben des Nissans 4 abgeschert waren ... und er hatte nur zwei in Reserve. In Dodoma beim örtlichen Nissan Händler gab es zwar welche, doch hatte dieser nur noch wenige Stunden geöffnet, bevor er ins Wochenende wollte - zwei Kollegen fuhren zurück und kamen noch gerade rechtzeitig. Leider mussten wir aber aufgrund des Defekt am Rand einer viel befahren Straße kampieren - in der Nacht wurde uns dann alles, was auf der Ladefläche des Pickups befand, gestohlen. Darunter auch mein komplettes Werkzeug und viel schlimmer - mein 5l Kanister Belray 5W60. Eigentlich wollte ich zur Halbzeit damit einen Ölwechsel machen (bis heute weiß ich nicht, wo ich das Altöl gelassen hätte   ) . Mangels Alternativen verzichtete ich auf den Ölwechsel, schließlich sollte ein "modernes" Öl doch auch locker 7000km überstehen - was sich später allerdings als fataler Irrtum herausstellte.


Nach Behebung des Schadens (ein besonderer Genuss war es, mit behelfsmäßigen Werkzeugen (denn das meiste war ja gestohlen worden) die Stümpfe der Schrauben raus zu bekommen) ging es in der der nächsten Etappe durch Malawi entlang des gleichnamigen Sees.


Am Südzipfel des Lake Malawi war unser Ziel Monkey Bay, wo wir zum ersten Mal einen Ruhetag einlegen wollten. Den ersten Ruhetag nach zwei Wochen Pisten haben wir uns allerdings gründlich ruiniert.